… (auch) für Außenstehende ließ sich (vor allem durch Twitter) wahrnehmen, dass das GenderCamp nicht die „drei Tage hach“ der 2010er Premiere erreichten. Mir geht es aber ähnlich wie Nadine Lantzsch, die insgesamt das GenderCamp 2012 als „wesentlich angenehmer“ als 2011 empfand.

Und trotzdem gab es Ärger, der

  • sich wohl nicht in einem Blogpost zusammenfassen lässt,
  • für alle andere Seiten hatte,
  • für manche gar nicht sichtbar wurde (oder nur Nebenschauplätze davon).
Apple Jack und Rainbow Dash im Ponyhof

Apple Jack und Rainbow Dash im Ponyhof – Apple and Rainbow in a Barn by *johnjoseco

Ich starte hier einen subjektiven Versuch, diesen „Ärger“ aufzudröseln und transparent zu machen, der für manche leider überdeckt hat, dass das GenderCamp auch in diesem Jahr von tollen Menschen, spannenden Ideen, kreativen Basteleien und vielseitigen Sessions geprägt war.

Kritik und Selbstkritik

Einen Tag vor dem GenderCamp 2012 schrieb @tutnurso in Vorausschau:

Nach der Richtung der Perspektiven auf Strukturen außerhalb des Camps – die sexistische Kackscheiße da draußen™ – wurde die Perspektive gedreht oder vielmehr wurde eine weitere Perspektive gestärkt: die Perspektive auf sich selbst.

In diesem Zuge wurde im Vorhinein u.a. durch das Orgateam (zu zaghaft) versucht, die Diversität der Teilnehmenden zu vergrößern und gezielt Gruppen und Initiiativen
„jenseits der ‘Twitteria‘ auf das GenderCamp hinzuweisen, die eventuell bisher nichts davon gehört haben, von denen wir aber glauben, dass die Veranstaltung von Interesse für sie sein könnte“ (Rundmail an diverse Projekte). Allein durch den riesigen Ansturm auf das GenderCamp (ausverkauft in 95 Minuten) wurde dieses Vorhaben etwas erschwert, auch wenn durch frei werden Plätze immer wieder Leute die Chance hatten nachzurücken. Jedenfalls konnte dieser Aspekt des „sich-für-andere-öffnen,,,,,,“ eher nicht gelöst werden.

Schon in 2011 hatte die Frage nach der kritischen Analyse der eigenen Privilegien einen großen Stellenwert in den Diskussionen vieler Sessions. Dies betraf nicht nur die Frage danach, warum die_der Einzelne eigentlich die Möglichkeiten und Ressourcen hat, an dieser Veranstaltung teilzunehmen.

Meiner Meinung nach verlief eine der sichtbarsten Differenzkategorien an diesem GenderCamp-Wochenende nicht anhand von geschlechtlichen, ethnischen, ökonomischen, begehrlichen, technischen oder anderen gesellschaftlichen Strukturkatergorien, sondern danach, ob jemand dem Organisations- oder Awareness-Team angehörte oder nicht. Obwohl nicht immer klar war, wer dazu gehörte.

In_Transparenz

Wenn ich richtig gezählt habe war rund ein Drittel der Teilnehmer_innen in einer der beiden Gruppen und damit quasi Vollzeit mit der Orga beschäftigt. Dieses Verhältnis scheint mir völlig absurd und sehr problematisch. Das Ergebnis davon war, dass ein Drittel der Teilnehmer_innen kaum teilnehmen konnten, sie große Lasten tragen mussten und teilweise als ausschließende und negative Gruppe wahrgenommen wurden.
Ein weitere Konsequenz war eine heftig ungleiche Verteilung von Informationen. Am Samstagabend gab es ein gemeinsames Plenum von Awareness- und Orga-Gruppe. Manche wussten, dass dieses Plenum stattfindet, andere nicht. Manche wussten teilweise, worum es geht, andere nicht. Viele haben hinterher manches erfahren, viele nicht.

Adrian Lang über das GenderCamp 2012

Auf dem GenderCamp habe ich gegenüber Mitgliedern des Awareness- und Orgateams die (Selbst-)Kritik geäußert, dass ich den Eindruck hätte, wir verfehlten unsere Rolle als für alle ansprechbare Erklärbär_innen, die es sich zur Aufgabe machen, Un_Wissenheitsgefälle anzugleichen. Stattdessen würden wir eher als Supatopcheckerbunnies wahrgenommen werden, die Awareness von oben predigen. Mit letzterem habe ich wahrscheinlich insbesondere dem grandiosen Awareness-Team Unrecht getan und nicht den richtigen Punkt getroffen. Im Vorfeld des GenderCamps wurden unglaublich gute und hilfreiche Materialien gesammelt und erstellt, die das 101 für ein bewussteres und achtsameres Miteinander hätten legen können. Die Methoden haben dazu beitgetragen, demokratischere und gleichberechtigtere Diskussionsstrukturen zu schaffen, als ich sie in den allermeisten Bildungs- und/oder Politikzusammenhängen bisher erlebt habe. Zumindest auf der Ebene der Einzelnen Sessions. Für die Ebene des BarCamps als Ganzes sehe ich das eher nicht so. Und mit dieser Kritik, richte ich mich explizit auch an mich selbst.

Ich halte das Format des BarCamps immer noch für die spannendste Möglichkeit, politische Bildung, basisdemokratische Veranstaltungsorganisation und politische Auseinandersetzungen miteinander in Berührung zu bringen. Um den typischen BarCamp-Charakter („alle sind für alles Verantwortlich“ und „alle sind Teilnehmende, niemand ist Spezialexperte oder nur Zuhörende_r“) zu stärken wäre es wahrscheinlich ideal gewesen, wenn wir als Orga- und/oder Awareness-Team nur bis zum Beginn des GenderCamps gearbeitet hätten und dann nur noch im Bedarfsfall bei Seite gestanden hätten. Auch mir als Mitverstalter und Mitarbeiter des ABCs ist es keinesfalls hinreichend gelungen, aus dieser Rolle zu entschlüpfen und so mit dafür zu sorgen, dass BarCamp-Prinzip zu stärken


Cutie Mark Crusaders – by ~smlahyee

Kinder und so

Viel des Ärgers kristallisierte sich um die Frage nach den Kindern auf dem GenderCamp. (Dazu wurde bereits viel gebloggt und es gab auch eine Session, die sich mit dieser Frage beschäftigte.) Auf dem GenderCamp stellte sich oberflächlich dazu die Frage, wie mit der durch die Kinder entstehende Geräuschkullisse umgegangen werden kann und wer die Kinder betreut. Für die Kinderbetreuung während der Sessions fanden sich tatsächlich viele nette Menschen, die total tolle Arbeit leisteten und „uns Eltern“ ermöglichten, an mehr Sessions teilzunehmen (die Worte „meiner“ Dreijährigen „Ich mag die Kinderbetreuung,“ sagen fast alles). Gleichzeitig führte der Unmut gegenüber dem Kinderlärm etwa dazu, dass bei den Plena am Samstag und Sonntag Morgen nur ein Teil der Eltern dasein konnten.

Nicht allen auf dem GenderCamp war klar, dass die Themen Lärm und Kinderbetreuung nicht der eigentliche Grund für damit verbundenen Konflikte waren. Während des GenderCamps versuchte ich dies aus meiner Sicht so auf den Punkt zu bringen:

Niemand trat auf dem GenderCamp kinderfeindlich auf, auch wenn in Blogposts, von Leuten, die nicht auf dem GenderCamp waren, sehr stark der Eindruck danach entstehen konnte. Aber unentwegt schwebte unausgesprochene, bzw. auf theoretisierte Ebenen verlagerte Kritik mit, die zu keiner Zeit wirklich konkret wurde und somit auch von niemanden wirklich aufgegriffen werden konnte. Dies blieb leider aus.

Mehrfach wurde von Eltern darum gebeten, dass Kritik doch bitte, wenn schon nicht direkt, so doch wenigstens mittelbar über schriftliches Feedback oder den Umweg über das Awareness-Team geäußert werden solle.

Diese Kritik ist – am stärksten wahrscheinlich in Nadine Lantzschs Blog-Post – fast nur nachträglich geäußert worden. Zum Teil auch noch an der Pinnwand, die als ein Resultat der „Kinder und so“-Session am letzten Tag aufgestellt wurde. Hier wurde die Frage „Wie geht es uns/mir/dir damit, dass Kinder hier (beim GenderCamp) sind?“ sehr differenziert beantwortet. Vor allem gab es sehr viel positives Feedback. Aber auch Antworten wie diese gab es:

„Die Frage ist nicht, wie es mir mit Kindern geht, sondern mit in Hetero-Beziehungen lebenden Eltern, die mir Kinderfeindlichkeit unterstellen”

oder

„es ist interessant, welche Themen hier groß besprochen werden & wie viele andere nicht sprechbar sind & unsichtbar gemacht werden“

Den von Nadine Lantzsch genannten Punkt „Mich nervt es, wenn Menschen mit Kindern sich als HeteroKleinfamilie inszenieren müssen vor anderen.“ kann ich durchaus nachvollziehen. Bin aber ratlos, was daran zu ändern gewesen wäre, da dies nicht konkret angesprochen wurde. Ich hätte diesen Punkt sehr gerne auf dem GenderCamp diskutiert (und ich bin mir sicher, dass es anderen ähnlich ging, schließlich wurde schon 2011 das Thema Leben mit Kind diskutiert.). So wie an die Awareness-Wand angepint wurde, dass gewünscht wird, dass niemand mit freiem Oberkörper rumrennen solle, hätte wegen mir auch gerne irgendwer den Vorschlag machen können, kein heterosexuelles Händchenhalten, zu praktizieren. Oder was auch immer an den Heterokleinfamilieinszenierungen konkret gestört hat.

Der Mangel an offen geäußerter Kritik war meiner Auffassung nach der größte Makel am diesjährigen GenderCamp. Es gab sicher genug Kritisierenswertes. Bestimmt auch hinsichtlich der Eltern- und Familienperformances. Aber es gab auch große Bereitschaft aller, an sich zu arbeiten. Dies wäre möglich gewesen, wenn Kritik mehr oder weniger direkt und konkret geäußert würde. Dass Kritikäußern nicht immer einfach ist, habe ich selbst gemerkt, als ich unsere Arbeit in Awareness- und Orgateam kritisiert habe. Wahrscheinlich war ich da zu aufgewühlt, um wirklich sachlich zu argumentieren. Eine ausdrückliche Entschuldigung an alle, die das abbekommen haben.

Ganz toll finde ich den Vorschlag von Melanie im Kommentar bei Katrin Roenicke, auch wenn’s in der Praxis schwieriger ist, als es klingt:

solidarisiert euch auch mit menschen, die gerne eltern wären, die es aber nicht sein dürfen!

Spätestens beim GenderCamp 2013 würde ich das gerne vertiefen.

Ist die Geschichte mit den Kindern auf dem GenderCamp nur eine Geschichte voller Missverständnisse?

Vielleicht. Aber von allen Seiten würde ich wohl Shitstorms erwarten können, wenn ich das so darstellen würde. Natürlich gab es Blödes, ja auch Kackscheiße, von viele Seiten. Aber im Kern bin ich mir sicher, dass Vieles besser gelaufen wäre, wenn mehr Leute direkt miteinander gesprochen hätten (oder wenigstens über Dritte vermittelt), statt zu lästern, im stillen Kämmerlein zu mautzen oder über verklausulierte Twitterkommentare zu kommunizieren. Dass das GenderCamp kein Ort außerhalb existierender gesellschaftlicher Realitäten ist, und auch kein sonderlich queerer wurde auch in den letzten beiden Jahren schon resümiert. Daran zu arbeiten, geht nur zusammen, ohne Gräben zwischen Eltern und Nichteltern zu vertiefen.

Und nun?

Ich hätte im Nachhinein gerne einiges anders gemacht und hätte mich gefreut, wenn die Kommunikation kommunikativer gewesen wäre. Dann wäre auch weniger Unsichtbares unsichtbar geblieben. Denn das Klima war definitiv da ein wesentlich breiteres Spektrum an Themen anzusprechen. In jedem Fall sehe ich eine gute Chance, aus Fehlern zu lernen und das GenderCamp 2013 zu einer positiven Erfahrung für alle zu machen. Vorausgesetzt es finden wieder alle an einen Tisch.

tl;dr

Lasst uns mehr miteinander statt übereinander reden.

(Lesenswert unbedingt auch die Blogposts von Antje Schrupp und Fiann, die ich hier noch nicht verlinkt hatte.)

Und, ach ja: die Pony-Session war viel zu kurz.