Wir fühlen uns (meist) wohl hier im Netz. Es ist unser Sandkasten, in dem wir wühlen, graben und uns kreativ austoben. Der Sand liegt uns zu Füßen. Wir können ihn ausgestalten und Formen.

Die Illusion der 1980er und 1990er Jahre, in der sich das Netz als utopischen, grenzenlos freien Spielplatz ohne Außeneinfluss darstellte, ist lange verflogen. In unserem Sandkasten liegt allerlei Müll und Kackscheiße herum. Und immer wieder zertrampeln Trolle die Eckchen, in denen wir gebuddelt und geharkt haben. Auch die Privilegien sind sehr unterschiedlich verteilt. Machtverhältnisse, die away from keyboard (bzw. sandbox) existieren, bestehen auch im Netz. Und große Teile der Welt haben noch immer keine Möglichkeit einen Fuß in den Sandkasten zu setzen, geschweige denn sich ein eigenes Schippchen zu kaufen. Dabei gibt es hier noch viel Platz.

Viele, viele bunte Förmchen

Vieles ist leichter geworden. Um im Netz aktiv zu sein braucht es kein abgebrochenes Informatikstudium. Der Sand ist weicher geworden und der grobe Schotter weggeräumt. Es muss nicht mehr alles mit der Hand geformt werden. Für viele Projekte gibt es schöne bunte Förmchen und Schaufelchen, die uns von den einschlägigen Spielzeughersteller_innen in den Sand geworfen werden: von Facebook, Twitter, Tumblr, Flickr, Instagram, Soundcloud, WordPress.com, Blogsport … Google Wave, StudiVZ, Posterous, MySpace, Geocities, .mac-web publishing. Moment. Da sind ja auch die (Un)Toten Webdienste, äääh, Sandförmchenfabriken dabei. Das ist kein neues, aber stets vorhandenes Problem im Sandkasten. Am 30. April wird beispielsweise Posterous aus der Kiste geschmissen. Und Twitter, das Posterous mittlerweile besitzt, holt nicht nur die Förmchen aus der Sandkiste, sondern haut gleichzeitig auch die damit gebauten Sachen platt. Für mich persönlich heißt das, dass ich drei Sandkuchen/Posterous-Blogs {1, 2, 3} verliere und neu aufbauen muss: in einer anderen Ecke der Sandkiste, nicht mehr auffindbar über bestehende Links.

Im April letzten Jahres schrieb ich ausgehend von Sascha Lobos Artikel „Euer Sandkasten ist nur geborgt” über meine zerfasernde Netzidentitäten und meinen #Jutebeutel voll Sandspielzeug:

So großartig (sagte ich das schon?) Blogs sind, die wirklich leckeren Netzleckerbissen finde ich meistens doch anderswo. Auf Twitter, Instagram, Google+ (wirklich!), neuerdings auch auf Pinterest oder aber bei Instagram

Der eigene Sandkuchen

Ich habe da viel drüber nachgedacht und möchte meine Gedanken noch mal korrigieren und Ergänzen. Für den kurzfristigen Spaß sind oben genannte Tools das richtige. Und zum Verteilen von Inhalten.

Die große Schwäche dieser quietschbunten Sandkastenförmchenwebservices sind:
* langfristige Erreichbarkeit,
* Entzug der eigene Kontrolle,
* Zugangsbarrieren außerhalb des jeweiligen Services und
* Wiederauffindbarkeit

Wenn ich all meine Kinderfotos in die Chronik klatsche: Wird Facebook überleben? … Wenn ich mein Lauf- und Kuchentagebuch auf Tumblr veröffentliche: kann ich mir sicher sein, dass mir das nicht noch mal (wie im Herbst geschehen) von den Admins wegen Spamverdachts gesperrt wird? Wenn ich was nettes auf Instagram poste, kann ich dann erwarten, dass Nicht-User das furchtbare Webinterface nutzen? Möchte ich auf Kommentare von anderen verzichten? Wenn jemand n tollen Link auf Twitter gepostet hat: warum finde ich den nicht wieder?

Nicht zu letzt hat mich auch die Initiative #ironbloggerhh motiviert mehr zu bloggen. Und meinen eigenen Sandkuchen weiter zu backen. Ich habe keinen Ehrgeiz (und nicht das Know how), alles selbst zu schreiben. Aber mi einem selbst gehosteten Blog auf eigener Domain habe ich gefühlt ausreichend Kontrolle über mein Sandbürgchen. Und auch wenn mir hier mein Förmchen genommen würde (Provider macht dicht, WordPress wird nicht mehr weiterentwickelt…) hätte ich eine Exitstrategie und könnte Adresse und Content behalten. Vielleicht bieten ja auch Protokolle wie tent.io eine längerfristige Alternative?

tl;dr

Your blog is your castle. Schafft ein, zwei, viele Sandburgen.