Seit April ist in Hamburg-Wilhelmsburg die stark umstrittene und kritisierte Internationale Gartenschau (igs 2013) geöffnet. Wir wohnen gleich um die Ecke. Und nach vier Monaten haben wir’s nun auch einmal auf’s Gelände geschafft. Zwar haben wir höchstens ein knappes Drittel der Gartenschaufläche sehen können, aber das war genug, um hier ein paar erste Eindrücke schildern zu können.

Schon toll, was es hier alles zu sehen gibt!

Kommerz, Vergnügung, Bildung

Am Eingang war ich etwas überrascht: es gab lange Schlangen an den Ticketschaltern – was wohl auch damit zusammenhing, dass nur zwei geöffnet waren. Bei meinen Laufrunden entlang des Geländes war mir die igs bisher vor allem durch leere und ungenutzte Parkplätze aufgefallen.

igs 2013

Schon vor der Passage der Paywall schlägt den Besucher_innen als erstes der Musterhaussiedlungscharme der angrenzenden IBA-Projekte an den Gesichtern vorbei. Danach beginnt sich eine Mischung aus Parkanlagen, Schullehrgärtchen, Gartencenter- und Baumarkflair, hübscher Spielplätze, Wurstbuden und top-down-organisierter Straßenfeste.

Immer wieder gibt es so halb interessante Wissenshäppchen, etwa über die Verwendung, Verarbeitung und wirtschaftliche Bedeutung von Heilkräutern. Wusstet ihr zum Beispiel, dass sich Kamille ganz hervorragend in Erkältungstees verwenden lässt? – Wahrscheinlich schon. – Gut. Aber wusstet ihr auch, dass Kamille mit einem Umsatzvolumen von 18,8 Millionen Euro jährlich eine höhere wirtschaftliche Bedeutung in Deutschland hat als Melisse, Baldrian und Thymian zusammen! … Spannend. Oder so. … Wer die kleinen Schildchen an den Ausstellungsflächen ließt wird auch darüber informiert, dass diese „Bildungsangebote“ nicht mehr als Marketing der jeweiligen Interessenverbände sind.

Die Kinder haben sich über einen kostenlosen Fingerhut Salbeitee gefreut – und kostenlos ist auf dem igs-Gelände nicht viel: viele Attraktionen, wie der Hoch- und Niedrigseilgarten oder die lächerliche Monorail-Bahn in Schrittgeschwindigkeit kosten ordentlich extra. Noch spannender als den Tee fanden die Kinder die zahlreichen – unironisch wirklich – ganz hübschen Spielplätze auf dem Gelände. Eine der Sachen, die nach dem Ende der igs erhalten bleiben sollen.

Was ist das Problem mit der igs?

Große Teile des igs-Gelände waren vorher öffentliche Park- und Grünanlagen. Ordinär, schmutzig von der Stadt verwahrlost lassen, aber gern genutzt zum Grillen, joggen, Biertrinken und Sonnenblumkernschalenindiegegendspucken. Wozu so Grünflächen halt genutzt werden.

Heut ist der Park ordentlich aufgehübscht und durchgestylt. Und am vor allem: mit einem hohen Zaun drum rum. Und höher als der Zaun (da ließe sich wohl rüber klettern) sind die hohen Eintrittspreise: 21€ für’n Tagesticket, 17€ mit Ermäßigung etwa für Studierende und ALG II-Empfänger_innen. Gerade für viele Wilhelmsburger_innen kaum bezahlbar. Als Anwohner_innen der Elbinsel haben wir mit der „Nachbarschaftskarte“ immerhin drei kostenlose Besuche. – Das hat die Entscheidung, ob sich der Quatsch für uns lohnt in jedem Fall einfacher gemacht.

Grundsätzlicher stellt sich die Frage, ob die igs mehr ist als eine (überteuerte) „harmlose Blümchenschau?“:

Neben ihrer Funktion, der Gartenbau-Industrie eine kostenlose Handelsmesse und staatlich subventionierte Präsentationsflächen zu bieten, “entwickelt” die igs GmbH die Region durch Aufwertung und Privatisierung öffentlicher Räume. Städtische Grundstücke werden verkauft, verpachtet, vermietet, etwa für die IBA, eine Kletter- oder Schwimmhalle. Öffentliche Parks wie der Adolf-Menge Park werden umzäunt ohne dass es einen Flächenersatz für Anwohner_innen gäbe. […] Kleingärten wurden abgerissen, der Friedhof umgewühlt. Der Adolf-Menge Park wurde schon 2009 umzäunt und bleibt größtenteils für die Öffentlichkeit abgesperrt, Privatisierung wurde vorangetrieben und mehrere tausend Bäume gefällt.

Und nu?

Es wäre nicht richtig zu behaupten, es ließe sich kein Spaß haben auf dem Gelände. Wir haben einen durchaus netten, sonnigen und kurzweiligen Tag gehabt. Für die Kinder waren die Spielplätze definitiv ein Highlight. Auch wenn es sehr viel sinnvoller wäre, wenn in bestehende, wohngebietnähere Plätze investiert würde. Das Kleinkunstprogramm habe ich als eher durchwachsen wahrgenommen. Viele Flächen sind wirklich sehr schön geworden, wenn auch etwas zu steril für meinen Geschmack, aber das ändert sich bestimmt spätestens im Oktober, wenn die igs geschlossen und das Gelände nachgenutzt werden kann. Auch wenn wohl noch nicht absehbar ist, wie die Folgekosten von jährlich 1,4 Millionen Euro getragen werden können.

Vieles ist bei der igs sicher gut gemeint. Überzeugt hat mich diese Hochglanzgroßprojektkonzept noch nie sonderlich. Sehr absurd finde ich die Behauptung igs und IBA würden nicht zur Gentrifizierung des Viertels beitragen. Dass daran jetzt noch etwas zurückgedreht werden kann, ist allerdings ähnlich naiv.

Was ich wirklich spannend finde ist, was nach der Gartenschau passiert. Ist das Gelände (genau so wie beim Aufbau) auch erst mal monatelang gesperrt? Wie wird das alles weiter gepflegt? Kann aus dem sterilen Kommerzgelände (wieder) ein lebendiger Park werden?

igs 2013